Mittwoch, 15. Mai 2013

Der Reparierer


Mein Opa war in unserer Familie für ein ganz spezielles Talent bekannt:
Er konnte so ziemlich alles reparieren.

Ob es eine kaputte Tasche, abgelaufene Absätze oder eine von uns Kindern kaputt geschmissene chinesische Vase war, er fand immer eine Lösung um die Sache wieder gerade zu biegen. Dieses wunderbare Talent dehnte sich nicht nur auf materielle Schäden aus, so dass gerade wir Enkelkinder sehr von ihm profitiert haben, denn er konnte nämlich auch im Familienclinch gut vermitteln.

Nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, hat er sich im zerbombten Ruhrgebiet eine Existenz aufgebaut.
Und das mit einer Fähigkeit, die heute noch in meiner Familie gepflegt wird und sich in einem etwas derben Sprichwort ausdrückt: "Aus Scheiße Rosinen machen".
Er kam ursprünglich aus Leipzig und hatte sich ins Ruhrgebiet zu einer flüchtigen Briefbekanntschaft (meine Oma) entlassen lassen, damit er nicht in russische Kriegsgefangenschaft überstellt wurde.
Da stand er dann vor ihrer Tür und aus einer Brieffreundschaft wurde Liebe (damals ging das alles wohl irgendwie schneller als heute).

Hier im Ruhrgebiet war alles zerbombt, auch meine Oma und ihre Familie waren ausgebombt worden und hatten nichts mehr. Mit Erfindungsreichtum und Geschick versorgte mein Opa seine neue Familie, seine Fähigkeiten als Maurer waren jetzt das perfekte Tauschgut.

Das ganze ging so weit, dass er in feinsten Klamotten rumlief, weil er z.B. einem Schneider den Laden wieder aufgebaut hatte. Meine Oma berichtete immer voller Stolz, dass es zu ihrer Verlobungsfeier sogar eine Buttercremetorte gab, die Zutaten hatte mein Opa mit seiner Arbeit ertauscht.
Er hatte eine ganze Truppe von Leuten, die ihm für seine Hilfe Gefallen schuldeten und als die beiden heirateten wollten, stellte er sich ans Fenster und pfiff und seine Jungs brachten eine ganze Reihe knapper Waren (sogar Zigaretten!) mit denen aus einer bescheidenen Hochzeit ein richtiges Fest wurde.

Ob er seine Reparierfähigkeiten aus dieser Zeit hatte, weiß ich nicht. Ich glaube, dass das früher eine verbreitete Kunst war.
Auch meine Oma konnte Socken stopfen, kaputte Klamotten flicken und Reißverschlüsse reparieren.

Vor vier Jahren ist er gestorben, passenderweise am 1.Mai, dem Tag der Arbeit. Er fehlt mir heute noch sehr.
Und seine Fähigkeiten fehlen uns.
Heute reparieren wir nichts mehr, wir ersetzen es.
Das finde ich schade, denn da geht so viel (Kunst-)Fertigkeit verloren und unsere Gesellschaft kann es gut vertragen weniger wegzuwerfen. Deswegen möchte ich diese alten Fähigkeiten wieder nutzen. Vielleicht kann ich später meiner Tochter die Geschichten von meinem Opa erzählen und gleichzeitig beibringen Dinge zu reparieren.

1 Kommentar:

  1. Das ist eine schöne Geschichte und ich drücke die Daumen, dass du deine Tochter damit genauso mitreißen kannst wie mich und sie eine kleine Repariererin wird.
    Liebe Grüße
    Paula

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